Kinder konnten noch nie besonders gut auf Ältere hören, aber sie haben es sich nie entgehen lassen, sie nachzuahmen.

James Baldwin

Kinder sind wie Spiegel; sie reflektieren alles, was wir sagen oder tun. Wir wissen inzwischen, dass 95% dessen, was Kinder lernen, durch Nachahmung gelernt wird. Nur 5% erlernen sie durch direktes Lehren. Menschen sind wie Kassettenrekorder. Jedes Wort, das wir hören, all unsere Erfahrungen, werden permanent in unserem Unterbewusstsein aufgezeichnet. Immer wenn Erwachsene sprechen, sind wir Vorbilder für die anwesenden Kinder. Wir lehren das, was wir sprechen. Kinder nehmen jedes Wort auf, dass wir an sie richten oder in ihrer Gegenwart aussprechen. Die Sprache, die Kinder hören, wenn sie aufwachsen, ist die Sprache, die sie sprechen werden.

Wir machen oft den Fehler zu denken, dass Kinder nicht die gleichen Gefühle haben wie wir, weil sie kleiner sind und weniger Informationen und Erfahrung haben. Aber das ist ein Irrglaube. Ein Verhalten, das uns verlegen macht, demütigt oder verletzt, macht auch Kinder verlegen, demütigt oder verletzt sie. Wenn wir Menschen emotional verletzt werden, schaltet sich unser Denken aus. Wenn unser Denken sich ausschaltet, können wir nicht lernen, wir können nur aufzeichnen. Wenn Erwachsene versuchen, Kindern etwas durch Kritik, Vorträge, Beschämung, Spott, Befehle, Schreien, Drohungen oder Schläge „beizubringen“, schaltet das ihr Denken aus, so dass sie nicht lernen können, was der Erwachsene ihnen beibringen wollte; sie können nur aufzeichnen, welches Verhalten ihnen als Vorbild präsentiert wird.

Die häufigste Kritik an jungen Menschen, die ich heutzutage höre, ist “sie behandeln nichts und niemanden mit Respekt”. Ironischerweise versuchen Erwachsene oft, Kindern Respekt beizubringen, indem sie sie respektlos behandelt. Kinder lernen Respekt oder Respektlosigkeit von der Art, wie wir sie behandeln oder wie wir miteinander umgehen. Wenn Kinder mit Respektlosigkeit leben, lernen sie Respektlosigkeit. Wir können Respekt nur lehren, indem wir Kindern den respektvollen Umgang miteinander vorleben und ihnen den gleichen Respekt erweisen, den wir erwarten.

Da Kinder lange wie Bürger zweiter Klasse behandelt wurden, als “weniger als”, tragen Erwachsene “Aufnahmen” von Respektlosigkeit mit sich herum, die wir aufgenommen haben als wir Kinder waren. Wenn das Verhalten von Kindern uns herausfordert, löst das den „Play“-Knopf unserer Aufnahme aus und wir hören und die gleichen Dinge sagen, die wir als Kinder zu hören bekommen haben. Haben nicht alle Mütter und Väter schon mal die Erfahrung gemacht, die Worte ihrer Eltern aus dem eigenen Mund kommen zu hören, jetzt wo sie selbst Eltern sind? Die meisten respektlosen Antworten kommen so automatisch, dass wir sie bereits ausgesprochen haben, bevor wir überhaupt realisieren, was wir sagen.

Es erfordert einen Sinneswandel, Kindern mit Respekt zu begegnen: wir müssen lernen, ein neues Bewusstsein zu entwickeln für die Art, wie wir unsere Kinder wahrnehmen und wie wir Respekt definieren. Kinder werden mit menschlicher Würde geboren. Einer Person mit Respekt zu begegnen, bedeutet ihre menschliche Würde anzuerkennen und zu bewahren. Einer Person mit Respektlosigkeit zu begegnen, bedeutet, ihre menschliche Würde anzugreifen.

Kinder ohne Respekt zu behandelt ist vergleichbar mit der Anwendung von körperlicher Strafe als Disziplinarmassnahme; es „funktioniert“ nur so lange, wie wir größer sind als sie. Es obliegt jedem Erwachsenen, der mit Respekt behandelt werden will, sich Kindern gegenüber respektvoll zu verhalten. Ob Kinder unter unserem Dach aufwachsen oder nicht, sie leben in der gleichen Welt wie wir und ihr Verhalten hat Einfluss auf unser Leben. Wie auch immer wir ein Kind behandeln, so wird es die Welt behandeln.

Wie können wir von Kindern erwarten, dass sie die Goldene Regel verstehen und anwenden, wenn wir sie mit weniger Respekt behandeln als unsere Bekannten? Wenn ich sage, Kinder verdienen den gleichen Respekt, mit dem wir auch unseren Freunden begegnen würden, meine ich nicht, dass wir Kinder wie Erwachsene behandeln sollten oder dass wir nie böse werden dürfen. Ich meine, dass wir nichts, das wir unseren Kindern zu sagen haben, auf eine respektlose Weise sagen müssen.

Es ist nicht respektlos zu schreien „Ich bin wütend, ich mag dieses Verhalten nicht.“; Kinder anzubrüllen, zu beschämen, zu demütigen und auf sie herabzusehen ist respektlos. Wenn wir uns fragen, ob etwas, das wir zu einem Kind gesagt haben, respektlos ist oder nicht, können wir überlegen: „Würde ich diese Worte in dem Ton zu einem guten Freund sagen?“ Wenn nicht, dann waren sie vermutlich respektlos. Und wenn wir Kindern doch Respektlosigkeit vorleben, müssen wir ihnen auch vorleben, wie man sich entschuldigt.

Wenn wir Kinder ernsthaft Respekt lehren wollen, müssen wir alle Verhaltensweisen, mit denen wir ein Vorbild für respektloses Verhalten sind, bloßlegen und einräumen, und wir müssen daran arbeiten, sie zu eliminieren. Selbst wenn wir nicht die offensichtlich respektlosen Verhaltensweisen wie Kritik, Vorträge, Beschämung, Spott, Befehle, Schreien, Drohungen oder Schläge an den Tag legen, gibt es viele Arten, wie wir mit Kindern sprechen oder sie behandeln, die wir schon gar nicht mehr als respektlos empfinden, weil Kinder schon zu lange so behandelt werden oder man schon zu lange in dieser Weise mit ihnen spricht. Dennoch würden wir sie sofort als respektlos identifizieren, würde zu uns so gesprochen oder würden wir so behandelt.

In meinen Elternkursen über den respektvollen Umgang mit Kindern lesen wir ein hervorragendes Stück von Erma Bombeck mit dem Titel „Behandele Freunde und Kinder gleich“. Sie stellt sich vor, Freunde zum Essen eingeladen zu haben und zu ihnen all diese Dinge zu sagen, die die meisten von uns in der Kindheit zu Ohren bekommen haben und die wir deshalb zu unseren Kindern sagen. „Mach die Tür zu. Habt ihr Säcke vor den Türen?“ „Ich habe nicht den ganzen Tag am Herd gestanden, damit Du wie ein Spatz an Deinem Essen knabberst.“ „Sitz gerade, sonst wächst Deine Wirbelsäule so.“ Die meisten Eltern brüllen vor Lachen bei dem Gedanken, so mit ihren Freunden zu sprechen, und bemerken dann, dass es ebenso respektlos ist, so mit ihren Kindern zu sprechen.

Wir konfrontieren unsere Freunde nicht mit: „Was sagt man?“ oder „Wie heißt das Zauberwort?“, aber unsere Kinder bekommen es die ganze Zeit zu hören. Wenn wir von Kindern erwarten, dass sie immer „Bitte“ und „Danke“ sagen, dann müssen wir es auch immer zu ihnen und zueinander sagen, ansonsten leben wir ihnen vor, dass man es manchmal sagt und manchmal nicht. Kinder ahmen nach, was wir tun. Wenn wir erwarten, dass Kinder gute Manieren haben, dass sie teilen, sich entschuldigen, ehrlich, freundlich und voller Respekt und Liebe sind, müssen wir ihnen dies vorleben, damit sie ein Vorbild haben, das sie nachahmen können.

Kinder ahmen Eltern, Familienmitglieder, Freunde, Betreuer, Lehrer und das Fernsehen nach. Je mehr Kinder draußen in der Welt sind, desto mehr Vorbildern sind sie ausgesetzt. Wir können Kinder nicht davon abhalten, Vorbilder zu sehen, die Verhalten zeigen, das wir sie nicht gerne nachahmen sehen würden, aber wir können etwas wählerischer sein, welchen Vorbildern sie ausgesetzt werden, besonders durch das Fernsehen. Da Eltern das primäre Vorbild in den frühen Jahren sind, müssen wir daran arbeiten, das Verhalten vorzuleben, das wir erwarten und das Verhalten zu vermeiden, das wir bei unseren Kindern nicht sehen möchten.

Die alte Weisheit „wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus“ und „was Du säst, das wirst Du ernten“ trifft auch darauf zu, wie wir Kinder lehren. Von einer respektlosen Art der Lehre durch Kritik, Vorträge und Befehle abzurücken, hin zu einer bewussten Vorbildfunktion braucht Zeit und Praxis und eine Bereitschaft, unser eigenes Verhalten zu betrachten und manchmal zu ändern. Gandhi sagte: „Wir müssen der Wandel sein, den wir in der Welt sehen möchten.“ Joseph Chilton Pearce sagt: „Wir müssen die Art Mensch sein, die unsere Kinder werden sollen.“

Die meisten der respektlosen Dinge, die wir unseren Kindern gegenüber sagen oder tun, sind unbeabsichtigt. Unsere alten „Aufnahmen“ werden nur automatisch abgespielt, wenn die Knöpfe gedrückt werden. Es ist einfach zu lernen, Respekt durch bewusstes Vorleben zu lehren; es ist nur schwierig, die alten Angewohnheiten abzuschütteln. Wenn ein Kind sich nicht so verhält, wie wir es erwarten, müssen wir uns fragen: „Bin ich ein Vorbild für das Verhalten, das ich von meinem Kind erwarte?“ Wenn ein Kind ein Verhalten an den Tag legt, das wir nicht mögen, müssen wir uns die Frage stellen: „Ahmt es mich mit diesem Verhalten nach?“ Wenn wir die Frage ehrlich mit „Nein“ beantworten können, dann muss es einen anderen Grund für dieses Verhalten geben.

Wir können uns selbst dazu erziehen, innezuhalten und nachzudenken, bevor wir sprechen, indem wir uns daran erinnern, dass alles, was wir sagen, aufgenommen und nachgeahmt wird. Wir können diese alten „Aufnahmen“ stoppen oder zumindest unterbrechen und bewusst die Art von Verhalten vorleben, die wir von unseren Kindern erwarten und akzeptieren. Wenn wir Kindern den gleichen Respekt erweisen, den wir von ihnen erwarten, dann lehren wir sie Respekt. Sie werden lernen so zu sein, wie wir sie behandeln.


© Copyright Pam Leo
Aus dem Amerikanischen übertragen von S. Mohsennia
Original: www.connectionparenting.com/parenting_articles/respect.html